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Erfahrungen bei der Begegnung mit dem Islam

Dr. Martinus

In unserer ev.-lutherischen Gemeinde haben wir inzwischen vielfältige Erfahrungen gemacht. Es begann alles damit, dass sich eine Gruppe aus der Nachbargemeinde bei der hiesigen Moschee angemeldet hatte, um dort einen Besuch abzustatten. Dazu wurde unsere Gemeinde mit eingeladen. Ich selbst war zu dem Zeitpunkt noch nicht in Deutschland. Nach diesem Besuch war dann zunächst alles ruhig.
Als ich meine Stelle antrat, war mir wichtig, dass wir der Tatsache, dass ein Großteil der Bevölkerung unseres Ortes Türken sind, in irgendeiner Form Rechnung tragen. Der Anknüpfungspunkt war die Moschee als religiöses Zentrum der türkischen Mitbürgerinnen und Mitbürger. Gut war, dass es hier schon eine Begegnung gegeben hatte. Nun lud unsere Gemeinde ein, auch weil das Gemeindezentrum direkt neben der Kirche liegt und somit die Möglichkeit bestand, den religiösen Raum genauso vorzustellen wie auch eine Diskussion im entspannteren Rahmen, bei Kaffee und Kuchen, zu führen.
Diese ersten beiden Treffen hatten rein informativen Charakter. Auch nach dem zweiten Treffen blieb es eine Zeit lang still. Schließlich besuchte ich am Tag der offenen Moschee (30.10.) eine andere Moschee, die ausdrücklich dazu eingeladen hatte, und war von der Begegnung dort so motiviert, dass ich dem Kirchenvorstand vorschlug, intensiver auf die Muslime zuzugehen und womöglich gemeinsame Feiern zu veranstalten. Nachdem der Kirchenvorstand dies begrüßt hatte, meldete ich mich bei der Moschee an.
Dieses Gespräch war nun ganz anders geartet. Ich fragte, ob es vorstellbar wäre, gemeinsam einen Gottesdienst zu feiern. Dabei hatten wir an den Einschulungsgottesdienst gedacht, der von unseren Kindergärtnerinnen gestaltet wird. So würden die muslimischen Kinder, die einen guten Teil der Kindergartenkinder stellen, bei diesem sozial wichtigen Ereignis nicht außen vor bleiben. Der Imam stimmte zwar grundsätzlich zu, war aber in einem klar: Dieses Ereignis darf nicht in der Kirche stattfinden. Der Hauptgrund, der mir im Gedächtnis blieb, war die rituelle Unreinheit, mit der wir unseren Gottesdienstraum verunreinigen. Wir gehen mit Straßenschuhen dort hinein. Außerdem äußerte er Bedenken wegen Götterbildern - dies konnte ich einigermaßen zerstreuen, das Kreuz sei ja nur ein Symbol, wir beteten es nicht an. Nach einem langen Gespräch brachte ich die grundsätzliche Zustimmung zum Kirchenvorstand zurück.
Daraufhin beschlossen wir wieder ein offizielles Treffen zur detaillierten Absprache, diesmal mit Vertretern der anderen christlichen Gemeinden am Ort. Dieses Treffen fand gut einen Monat nach meinem ersten Vorstoß statt. Wir einigten uns auf einen neutralen Raum, in dem der Einschulungsgottesdienst gemeinsam abgehalten werden könnte. Der Einschulungsgottesdienst war uns deswegen wichtig, weil in unseren kirchlichen Kindergarten auch viele muslimische Kinder gehen, die bisher bei den Einschulungsgottesdiensten immer außen vor geblieben waren. Ein Programmheft sollte erstellt werden mit Übersetzungen der Stücke des Gottesdienstes - wenn sie in Türkisch vorgetragen wurden, die Übersetzung ins Deutsche, und umgekehrt. Organisatorisch gab es das Problem, dass die türkischen Texte nicht fristgerecht zu uns gelangten, so dass wir sie abholen mussten. Der Einschulungsgottesdienst selber aber war ein voller Erfolg (2001). Er wurde in der Mehrzweckhalle der Grundschule gehalten. Viele muslimische Kinder nahmen mit ihren Eltern daran teil, der Imam wünschte diesen Kindern alles Gute, während ich die christlichen Kinder segnete. Denn, so wurde uns erklärt, Im Islam gebe es keinen Segen, der von Menschen übermittelt wird. Er wird direkt von Gott geschenkt, und da haben Menschen als Zwischenistanz nichts zu suchen.

Kurz nach dem 11. September 2001 (Terroranschlag auf das WTC in New York) kam der Imam auf uns zu. Er bat, in unserer Kirche ein Statement abgeben zu dürfen zu diesen Vorfällen. Wir einigten uns auf den Gottesdienst am "Tag der ausländischen Mitbürgerinnen und Mitbürger", der für den 3. Oktober 2001 angesetzt war. Der Imam nahm am Gottesdienst teil, indem er zu Beginn die 1. Sure rezitierte und anschließend die Verlautbarung vorlas, aus der hervorging, dass der Islam diese Terroranschläge verurteilt und durch nichts rechtfertigt.

Im Jahr 2002 gab es den zweiten gemeinsamen Einschulungsgottesdienst. Weil es in der Mehrzweckhalle recht unruhig gewesen war, da dort nicht die richtige Atmosphäre entstehen konnte, einigten wir uns diesmal darauf, den Gottesdienst in unserer Kirche zu gestalten. Wieder war es ein fröhliches Fest, mit vielen muslimischen Eltern und Kindern. Im Gottesdienst wurde u.a. türkisch gebetet, es waren Frauen und Männer in gleicher Weise beteiligt.

Auch im Jahr 2003 gab es wieder einen gemeinsamen Einschulungsgottesdienst. Diesmal fand er in der Moschee statt. Um es den Eltern zu erleichtern, boten wir einen Fahrservice an, der sich aber als weitgehend überflüssig erwies. Die meisten kamen zu Fuß oder mit dem eigenen Auto zur Moschee. Die Besucherzahl war nur geringfügig weniger als bei den vorigen Malen. Ein neuer Imam erwies sich als ausgesprochen aufgeschlossen und nahm selbstverständlich auch an diesem Gottesdienst teil. Wie alle Einschulungsgottesdienste unserer Gemeinde wurde auch dieser von den Mitarbeiterinnen der Kita gestaltet, die geschickt und umsichtig die veränderte Situation aufnahmen. Am Ende waren wir uns alle einig, dass es ein gutes Erlebnis war. Schwellenängste waren abgebaut.

Wird fortgesetzt...


Zuletzt überarbeitet: 26 November 2014
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